Arbeitsplatz der Zukunft: Ich sitze im Büro, also arbeite ich

Posted by on Feb 21, 2014 in Enterprise2.0, Social Business | 6 Comments

Foto: Digitale Boheme im St. Oberholz, lucky-cat

Die CeBIT ruft zur Blogparade auf und fragt:

Wer von euch arbeitet vollständig oder auch teilweise von Zuhause? Welche mobilen Lösungen und Enterprise 2.0-Anwendungen setzt ihr dafür ein? Wie habt ihr euren Arbeitgeber überzeugt? Was gefällt euch besonders am Home Office? Was sind die Probleme beim entfernten Arbeiten? Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft für euch aus?

Der erste Teil ist leicht beantwortet: Ich arbeite mittlerweile vollständig irgendwo. Gerne zuhause. Oft unterwegs. Am liebsten im Zug. Meist beim Kunden. Ich arbeite zeitlich unabhängig. Meist tagsüber. Oft nachts. Manchmal fühlt es sich an wie Arbeit. Oft genug auch nicht.

Das war nicht immer so. Mein erstes selbständiges Leben endete mit der Bewachung zahlreicher Mitarbeiter und großer klimatisierter Serverracks, die auf 600 Quadratmeter marmorgekachelter Fläche in Berlins teurer City West untergebracht waren. Das zweite selbständige Leben kennt kein Büro, keine Mitarbeiter, keine Serverschränke.

Mein Schreibtisch ist mein MacBook Air. Meine Telefonzentrale ist mein Smartphone. Meine Serverinfrastruktur steht in der Cloud. Mein Besprechungszimmer ist die Telefonkonferenz. Mail, Kalender, Projektplanung, Dokumentenablage, Communities, Chat, Telefonanlage – alles virtuell. In Projekten arbeitet ich mit wechselnden Projektnomaden zusammen. Netzwerk ersetzt Arbeitsverträge.

Es hat sich vieles verändert. Kunden glauben heute nicht mehr, dass blosse Größe des Dienstleisters Qualität bedeutet. Früher setzte man als One-Man-Show gegen Größe der Wettbewerber ein überzeugtes „Aber ich habe ein großes Netzwerk“ dagegen. Früher wurde man dafür belächelt. Heute ist es Normalität.

Sowohl in meinem ersten selbständigen Leben als auch in meiner jetzigen Mission beschäftige ich mich auch inhaltlich mit den drei Ks: Kommunikation, Kollaboration, Koordinierung von Geschäftsprozessen. Meist nah an den strategischen Themen der IT, sehr oft auch nah an den Kommunikationsexperten im Unternehmen. Ich bin, was man wohl heute im denglischen Sprachraum einen Enterprise 2.0 Evangelisten nennt. So nennen die Marketiers heute Menschen, die auf einer Mission unterwegs sind. Meist nicht im Auftrag des Herrn, dafür aber im Auftrag der Social Business Marktteilnehmer. Denn im Spiel rund um die strategische Ausrichtung der IT an „CAMS“ (Cloud, Analytics, Mobile, Social, ja Social!) mischen Sie alle mit, von IBM bis Microsoft.

Gerne verkünde ich immer und überall die Meinung, dass wir derzeit eine radikale Veränderung der Arbeitsverhältnisse erleben. Generation Y und Z, neue Arbeitsmittel und Methoden, Ende der Hierarchie, Beginn der Transparenz, Zeitalter der Partizipation, orts-, zeit und geräteunabhängige Kommunikation und Zusammenarbeit. Tod der e-Mail. All die schönen Dinge. Ich bin ein Teil davon. Als Sascha Lobo und Holm Friebe vor Jahren die Auflösung der traditionellen Arbeitswelt in „Wir nennen es Arbeit“ verkündeten, applaudierte ich lautstark. Auch ich sitze als Teil der digitalen Boheme im St. Oberholz.

Wo stehen wir also heute?

Da meinen wir „Kreativen Wissenarbeiter“ also, dass die Heerscharen von Arbeitnehmern vom Joch der Stechuhr befreit werden. Frau Ministerin Nahles will das auch amtlich regeln. Ist also der Zeitpunkt gekommen? Nein, ist er nicht. Denn tatsächlich erfordert ein noch sehr großer Teil der Arbeitsplätze physische Anwesenheit, zu genau festgelegten Zeiten. Jedes Band würde stillstehen, keine Baustelle fertig werden, jeder Supermarkt müßte schließen, wäre dies nicht so. Nach offiziellen Zahlen sinkt derzeit sogar die Zahl derjenigen, die überwiegend oder manchmal im Homeoffice arbeiten, von 1996 um 8,8 % auf 7,7 % im Jahr 2012.

Da mag meine persönliche Wahrnehmung in meiner „Filter-Bubble“ zwar einen anderen Eindruck suggerieren. Der Trend zeigt offenbar in eine andere Richtung. Marissa Meyer läßt grüßen.

Das heißt nicht, dass neue Arbeitskonzepte und bessere Werkzeuge auch zu mehr Freiheiten bei „klassischen“ Arbeitsplätzen führen könnten. Selbstorganisierte Gruppenarbeit, eigenverantwortliche Arbeitseinteilung, Job Enrichment und Enlargement sind in der Industrie schon seit Jahrzehnten ein Thema. Oft scheint es, als erleben wir die Diskussion dieser Themen wie einer Renaissance der Arbeitsmodelle aus der Industrie – es geht jetzt im „White Collar“ Bereich um abteilungsübergreifende Zusammenarbeit, eigenverantwortliches Handeln. Der Taylorisierung im Bürobereich soll ein Ende gemacht werden. Die Unternehmen treiben aber immer noch ihren Anwesenheits-Kult. Die Chefs sind offenbar Kontrollfreaks. Oder, wie ich es gerade bei Herrn Sohn las:

Die formierten Angestellten sollen in greifbarer Nähe verharren, um sie unter Kontrolle zu halten – ob sie dabei in der Nase bohren oder irgendwelche Scheintätigkeiten verrichten, spielt keine Rolle.

Sicher ist, dass pure Anwesenheit im Büro keinesfalls zu mehr Produktivität führt. Man kann im Büro prima Arbeit simulieren. Gerade die Chefs alter Schule neigen zur Kontrolle durch Anwesenheit. Es gilt der Grundsatz: Ich sitze im Büro, also arbeite ich. Dass aber gesetzliche Regelungen, zahlreiche Führungskräfte-Trainings zum Thema „Führen 2.0“, neue Arbeitsmittel aus der Abteilung „Social Business“ tatsächlich die Stechuhr aufs Altenteil schicken, das ist nur ein Teil der Miete. Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit gehen nicht automatisch mit der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Ort einher. Ausgeblendet wird zumeist, dass die Arbeit im Homeoffice nicht nur eine Frage der Inhalte, sondern auch der persönlichen Einstellungen und Präferenzen ist. Vieles davon sind nicht nur Einstellungen, sondern tief sitzende Werte, die sich bekanntermassen nur sehr sehr langsam verändern (lassen).

Aus eigener Anschauung kann ich sagen: Man kann im Homeoffice auch prima Arbeit simulieren. Man kann aber auch die Spülmaschine ausräumen. Oder schnell einen Nagel in die Wand hauen. Wenn man einen Partner hat, der auch überwiegend im Homeoffice arbeitet, kann man prima gemeinsam prokrastinieren. Statt den furchtbar anstrengenden Abschlussbericht des letzten Projekts fertig zu tippen, könnte man ja viel eher überlegen, was man zum Lunch kochen könnte. Und für alle lieben großen und kleinen Hausbewohner bedeutet Anwesenheit daheim zudem auch gleich Verfügbarkeit für jede Art privater Herausforderungen. Hilfe bei Hausarbeiten oder Hausaufgaben inklusive. Das schlechte Gewissen ist dabei im Homeoffice stärker als im Büro. „Irgendetwas“ im Büro zu erledigen fühlt sich immer noch besser für das Gewissen an, als Kaminholz zu stapeln oder „nur kurz“ beim Physik-Referat zu helfen. Die schöne neue Arbeitswelt bedeutet also nicht nur ein „Loslassenkönnen“ für die Kontrolleure unter den Arbeitgebern, sondern auch ein Loslassen in Bezug auf die eigenen Einstellungen – unter anderem auch von dem Irrglauben, dass man im Homeoffice von 9:00 bis 17:00 produktiv sein kann und muss. Meine Erfahrung zeigt: Geregelte Arbeitszeiten gibt es im Homeoffice nicht mehr. Die Arbeit verteilt sich frei fliessend über 24 Stunden.

Eine selbstbestimmte Arbeitsweise ist also durchaus anstrengend. Für mich, und auch für das Umfeld. Dennoch möchte ich nicht mehr tauschen. Zu meiner Arbeitssituation, zu meiner beratenden Tätigkeit, auch zu meinen Projekten passt es gut. Aber wir sollten uns von der Annahme verabschieden, dass wir Jeden mit dieser neuen Arbeitsweise beglücken können. Die meisten Arbeitsplätze sind ungeeignet, und für viele Arbeitnehmer kann es auch ein deutliches mehr an Stress bedeuten, die Grenzen zwischen „home“ und „office“ sauber ziehen zu müssen. Es wird meiner Meinung nach noch eine Menge Zeit ins Land gehen, bis sowohl Organisationen als auch Mitarbeiter den Reifegrad erreicht haben, der für den prognostizierten Kulturwandel notwendig ist.

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6 Comments

  1. gsohn
    21. Februar 2014

    Deine Analyse finde ich sehr gut. Du sprichst von der Notwendigkeit in einigen Branchen, die die Präsenz der Arbeitskräfte verlangen – Supermärkte, Krankenhäuser, Produktion usw. Interessant wäre es doch, einmal hochzurechnen, wo man diese Präsenz nicht benötigt oder wo man sogar über mobile Arbeitsplätze für Prosperität sorgen könnte – etwa in strukturschwachen Gebieten, die junge Arbeitskräfte verlieren und ausbluten. Also dorthin gehen, wo die Talente sind. Das wäre auch eine sozialpolitische Aufgabe. Na und dann sinkt ja auch der Anteil des produzierenden Gewerbes, der stationäre Handel geht in die Knie und der Anteil des Wissensberufe steigt. Aber Du hast recht, für den nötigen Kulturwandel brauchen wir wohl in Deutschland noch einige Jahre.

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  2. Stefan Heinz
    21. Februar 2014

    Wenn das Toastbrot mit der Drohne von Amazon geliefert wird, kann auch der Supermarkt variable Öffnungszeiten einführen…

    Im Ernst… Home-office für alle ist genauso unpassend wie die These, jeder Mensch sollte selbständiger Unternehmer sein…

    Viel Spass beim Kaminholz stapeln 😉

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  3. Jörg Allmann
    24. Februar 2014

    Ein schöner Ritt durch die den Arbeitsplatz-Zeitgeist 2014. Ich erlebe das auf Kundenseite in großen Teilen noch sehr klassisch, d.h. Meeting zwischen 9:00 und 16:00. Da haben die Gewerkschaften und Betriebsräte, deren Rolle ich sehr wichtig finde, noch stark den Daumen drauf.
    Im Innenverhältnis bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass nicht jeder Mitarbeiter zum Home-Office geschaffen ist. Der Effizienz-Gewinn durch Wegfall der Fahrt zum Arbeitsplatz wird durch die Übernahme heimischer Arbeiten – „wenn du schon da bist, dann kannst du ja auch mal die Wäsche aufhängen“ – locker kompensiert. Manchmal reicht auch schon der treue Blick des Hundes, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass man Dinge auch verschieben kann. Nebenbei gesagt: Wir haben keinen Hund.
    Das Breittreten der Arbeitszeit auf 24 Stunden inkl. des ständig geöffneten Notebooks oder iPads auf dem Küchentisch finde ich problematisch. Man hat zwar das Gefühl, sein eigener Herr zu sein, hängt aber trotzdem 7×24 am Gängelband der Technik. Wie du weißt spar ich mir dann wenigstens bei sportlichen Beätigungen die Meldung ins Internet.
    Jetzt muss ich aber wieder etwas tun. Ende der Ablenkung. Immer dieses social networking.

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  4. Wolfgang Fey
    2. März 2014

    Eine entspannende Lektüre am Sonntag Morgen. Danke dafür. Natürlich auf dem iPad und nicht im Büro. Sonntags arbeiten? Mal eben die Mails checken? Bei mir ist das normal geworden über die Jahre, aber ich antworte nur sehr sleten am Wochenende auf irgendwelche Zwischenrufe aus der Firma – schon eher aus dem Netz. Aus der Firma kommen aber auch nur wenige. Manchmal wichtige. Selten störende.
    Gleiches gilt für die Randzeiten – vor 9 Uhr und nach 18 Uhr – da passiert wenig berufliches oder dienstliches am iPad. Lieber mal das ePaper lesen und im Web 2.0 stöbern, also filtern, wie Du so schön schreibst.
    Es ist auch in den geordneten, hierarchischen Verhältnissen im Büro immer noch und immer wieder eine steigende Flut an E-Mails und anderen Informationen, die gefiltert und nach erfolgreicher Filterung bearbeitet werden will.
    Da soziale online Netzwerk ersetzt auch nicht den persönlichen Kontakt zu Kollegen und Mitarbeitern. Aber es hilft auch, Abläufe und Kommunikation im täglichen Aneinander Vorbei besser und vor allem flexibler zu machen.
    Mein Büro sehe ich oft nur wenige Stunden am Tag – den Rest befinde ich mich in Besprechungen oder anderen Büros, weil der persönliche Kontakt durch nichts wirklich zu ersetzen ist.
    Letztlich befinde ich mich, wie glaube ich viele der gleichen Generation, in der Mitte zwischen hierarchiegelenktem Büroarbeiter, Laptop und iPad Nomaden im iund außerhalb des Büros und Heimarbeiter. Der Ort spielt schon lange keine wirkliche Rolle mehr, die Zeit schon noch ein wenig. Dafür sorgt letztlich auch einfach schon die Familie – die mit einigen Generation Z-lern bestückt die gleichen (Heraus-)Forderungen stellt, die Du auch oben so schön beschrieben hast.

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  5. Auswertung Blogparade „Arbeitsplatz der Zukunft“: Zuhause, im Büro, überall - Das CeBIT-Blog
    8. März 2014

    […] Alexander Kluge: Arbeitsplatz der Zukunft: Ich sitze im Büro, also arbeite ich […]

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  6. CeBIT-Blog: Der Arbeitsplatz ist überall? | Kluge Consulting GmbH
    14. März 2014

    […] Zusammenfassung der CeBIT Blogparade zum Thema “Home Office“, an der ich mich mit diesem Artikel auch beteiligt […]

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