Digitale Entrümpelung

Harald Schirmer hat auf Facebook eine Diskussion zum Begriff „Digital Transformation“ angestoßen. Der Begriff ist Vielen zu sperrig, weil er zu dominant „digital“ ist. Die Fokussierung auf Technolgie allein bringt noch keinen sinnstiftenden Wandel im Unternehmen. Aber ohne eben jene digitale Technologie, und das ist die andere Seite, würden wir die Grenzen zwischen Abteilungs-Silos schwerer aufweichen können, Wissen würde nicht frei fließen und organisationale Hierarchien könnten nicht entrümpeln werden. Die Transformation, der notwendigerweise anstehende Wandel – er ist zumindest digital ermöglicht und wird digital getrieben und beschleunigt. Das ist – man mag es kaum glauben – auch in der Politik angekommen, und die großen Wirtschaftslenker bringen die letzten Jahre vor allem eine Erkenntnis aus Davos nach Hause: Digital first, physical will follow. Also alles doch digital oder was?

Auf dem Enterprise 2.0 Summit wurde nach dem richtigen Begriff für diesen Wandel gesucht. Social Business war gestern, aber was ist nun heute? Bei vielen Unternehmen, die heute auf den Zug aufspringen, steht immer noch die Einführung von Web 2.0 Werkzeugen im Vordergrund. Wikis sorgen für Wissensmanagement, und der bloggende Vorstand löst die organisationale Verspanntheit – so stark vereinfacht eine verbreitete Sichtweise. Lee Bryant schreibt dazu in seinem Rückblick auf den diesjährigen Summit:

When opening up access to a social platform on a firm-wide basis, it is great that employees can interact with their CEO’s messages or join online communities, but not so great if they are prevented from organising their own work in smarter and better ways.

Es geht im Kern darum, Arbeit effizienter mit neuen Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit zu erledigen. Dass die Entrümpelung althergebrachter Arbeitsprozesse mit neuen digitalen Werkzeugen aber nur dann funktioniert, wenn man auch die Strukturen der Organisation in Frage stellt, ist schwer verdaulich für das mittlere Management, deren Existenzberechtigung eben genau die Aufrechterhaltung dieser Strukturen ist. Das „digitale“ an der Transformation könnte man dann auch als gern genommene Ausrede hernehmen, um über den ganzen Rest lieber nicht zu sprechen. Führt Ihr mal, liebe IT, das ganze digitale Gedöns ein, aber wir wurschteln weiter in unserem Org-Chart vor uns hin, in dem wir es uns bequem eingerichtet haben. Also doch lieber nicht das „digitale“ Adjektiv?

Irgendeinen Namen braucht so ein Kind, damit wir alle wissen, worüber wir in den Blogs und auf den Konferenzen zu reden. Es besteht ja weitgehend Einigkeit, dass moderne Organisationen, die schnell auf Veränderungen der Märkte reagieren wollen, agil aufgestellt sein müssen, in vermaschten Teams in einer Organisation mit minimalen statischen Strukturen zusammenarbeiten und die Mitarbeiter dafür all die neuen mobilen, digitalen, mit Sensoren vollgestopften Technologien so nutzen können, dass sie ihre Arbeit leichter und vielleicht sogar mit mehr Freude und Initiative tun. Wieviel Struktur noch notwendig ist, das mag je Markt und Unternehmenstyp anders sein. Zwischen Wirearchy und Hierarchy, zwischen Zappos und Deutscher Bank liegen Welten. Technologie hilft heute bei der Entrümpelung alten Organisationsformen. Der Umbau ist in vollem Gange. Egal, wie wir das Kind nennen.

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8 Comments

  1. @gebhardtit
    18. Februar 2015

    Interessanter Artikel: http://t.co/3hy4LlUy0g via @alecmcint

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