Arbeitsplatz der Zukunft: Ich sitze im Büro, also arbeite ich


Foto: Digitale Boheme im St. Oberholz, lucky-cat

Die CeBIT ruft zur Blogparade auf und fragt:

Wer von euch arbeitet vollständig oder auch teilweise von Zuhause? Welche mobilen Lösungen und Enterprise 2.0-Anwendungen setzt ihr dafür ein? Wie habt ihr euren Arbeitgeber überzeugt? Was gefällt euch besonders am Home Office? Was sind die Probleme beim entfernten Arbeiten? Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft für euch aus?

Der erste Teil ist leicht beantwortet: Ich arbeite mittlerweile vollständig irgendwo. Gerne zuhause. Oft unterwegs. Am liebsten im Zug. Meist beim Kunden. Ich arbeite zeitlich unabhängig. Meist tagsüber. Oft nachts. Manchmal fühlt es sich an wie Arbeit. Oft genug auch nicht.

Das war nicht immer so. Mein erstes selbständiges Leben endete mit der Bewachung zahlreicher Mitarbeiter und großer klimatisierter Serverracks, die auf 600 Quadratmeter marmorgekachelter Fläche in Berlins teurer City West untergebracht waren. Das zweite selbständige Leben kennt kein Büro, keine Mitarbeiter, keine Serverschränke.

Mein Schreibtisch ist mein MacBook Air. Meine Telefonzentrale ist mein Smartphone. Meine Serverinfrastruktur steht in der Cloud. Mein Besprechungszimmer ist die Telefonkonferenz. Mail, Kalender, Projektplanung, Dokumentenablage, Communities, Chat, Telefonanlage – alles virtuell. In Projekten arbeitet ich mit wechselnden Projektnomaden zusammen. Netzwerk ersetzt Arbeitsverträge.

Es hat sich vieles verändert. Kunden glauben heute nicht mehr, dass blosse Größe des Dienstleisters Qualität bedeutet. Früher setzte man als One-Man-Show gegen Größe der Wettbewerber ein überzeugtes „Aber ich habe ein großes Netzwerk“ dagegen. Früher wurde man dafür belächelt. Heute ist es Normalität.

Sowohl in meinem ersten selbständigen Leben als auch in meiner jetzigen Mission beschäftige ich mich auch inhaltlich mit den drei Ks: Kommunikation, Kollaboration, Koordinierung von Geschäftsprozessen. Meist nah an den strategischen Themen der IT, sehr oft auch nah an den Kommunikationsexperten im Unternehmen. Ich bin, was man wohl heute im denglischen Sprachraum einen Enterprise 2.0 Evangelisten nennt. So nennen die Marketiers heute Menschen, die auf einer Mission unterwegs sind. Meist nicht im Auftrag des Herrn, dafür aber im Auftrag der Social Business Marktteilnehmer. Denn im Spiel rund um die strategische Ausrichtung der IT an „CAMS“ (Cloud, Analytics, Mobile, Social, ja Social!) mischen Sie alle mit, von IBM bis Microsoft.

Gerne verkünde ich immer und überall die Meinung, dass wir derzeit eine radikale Veränderung der Arbeitsverhältnisse erleben. Generation Y und Z, neue Arbeitsmittel und Methoden, Ende der Hierarchie, Beginn der Transparenz, Zeitalter der Partizipation, orts-, zeit und geräteunabhängige Kommunikation und Zusammenarbeit. Tod der e-Mail. All die schönen Dinge. Ich bin ein Teil davon. Als Sascha Lobo und Holm Friebe vor Jahren die Auflösung der traditionellen Arbeitswelt in „Wir nennen es Arbeit“ verkündeten, applaudierte ich lautstark. Auch ich sitze als Teil der digitalen Boheme im St. Oberholz.

Wo stehen wir also heute?

Da meinen wir „Kreativen Wissenarbeiter“ also, dass die Heerscharen von Arbeitnehmern vom Joch der Stechuhr befreit werden. Frau Ministerin Nahles will das auch amtlich regeln. Ist also der Zeitpunkt gekommen? Nein, ist er nicht. Denn tatsächlich erfordert ein noch sehr großer Teil der Arbeitsplätze physische Anwesenheit, zu genau festgelegten Zeiten. Jedes Band würde stillstehen, keine Baustelle fertig werden, jeder Supermarkt müßte schließen, wäre dies nicht so. Nach offiziellen Zahlen sinkt derzeit sogar die Zahl derjenigen, die überwiegend oder manchmal im Homeoffice arbeiten, von 1996 um 8,8 % auf 7,7 % im Jahr 2012.

Da mag meine persönliche Wahrnehmung in meiner „Filter-Bubble“ zwar einen anderen Eindruck suggerieren. Der Trend zeigt offenbar in eine andere Richtung. Marissa Meyer läßt grüßen.

Das heißt nicht, dass neue Arbeitskonzepte und bessere Werkzeuge auch zu mehr Freiheiten bei „klassischen“ Arbeitsplätzen führen könnten. Selbstorganisierte Gruppenarbeit, eigenverantwortliche Arbeitseinteilung, Job Enrichment und Enlargement sind in der Industrie schon seit Jahrzehnten ein Thema. Oft scheint es, als erleben wir die Diskussion dieser Themen wie einer Renaissance der Arbeitsmodelle aus der Industrie – es geht jetzt im „White Collar“ Bereich um abteilungsübergreifende Zusammenarbeit, eigenverantwortliches Handeln. Der Taylorisierung im Bürobereich soll ein Ende gemacht werden. Die Unternehmen treiben aber immer noch ihren Anwesenheits-Kult. Die Chefs sind offenbar Kontrollfreaks. Oder, wie ich es gerade bei Herrn Sohn las:

Die formierten Angestellten sollen in greifbarer Nähe verharren, um sie unter Kontrolle zu halten – ob sie dabei in der Nase bohren oder irgendwelche Scheintätigkeiten verrichten, spielt keine Rolle.

Sicher ist, dass pure Anwesenheit im Büro keinesfalls zu mehr Produktivität führt. Man kann im Büro prima Arbeit simulieren. Gerade die Chefs alter Schule neigen zur Kontrolle durch Anwesenheit. Es gilt der Grundsatz: Ich sitze im Büro, also arbeite ich. Dass aber gesetzliche Regelungen, zahlreiche Führungskräfte-Trainings zum Thema „Führen 2.0“, neue Arbeitsmittel aus der Abteilung „Social Business“ tatsächlich die Stechuhr aufs Altenteil schicken, das ist nur ein Teil der Miete. Produktivität und Mitarbeiterzufriedenheit gehen nicht automatisch mit der Flexibilisierung von Arbeitszeit und Ort einher. Ausgeblendet wird zumeist, dass die Arbeit im Homeoffice nicht nur eine Frage der Inhalte, sondern auch der persönlichen Einstellungen und Präferenzen ist. Vieles davon sind nicht nur Einstellungen, sondern tief sitzende Werte, die sich bekanntermassen nur sehr sehr langsam verändern (lassen).

Aus eigener Anschauung kann ich sagen: Man kann im Homeoffice auch prima Arbeit simulieren. Man kann aber auch die Spülmaschine ausräumen. Oder schnell einen Nagel in die Wand hauen. Wenn man einen Partner hat, der auch überwiegend im Homeoffice arbeitet, kann man prima gemeinsam prokrastinieren. Statt den furchtbar anstrengenden Abschlussbericht des letzten Projekts fertig zu tippen, könnte man ja viel eher überlegen, was man zum Lunch kochen könnte. Und für alle lieben großen und kleinen Hausbewohner bedeutet Anwesenheit daheim zudem auch gleich Verfügbarkeit für jede Art privater Herausforderungen. Hilfe bei Hausarbeiten oder Hausaufgaben inklusive. Das schlechte Gewissen ist dabei im Homeoffice stärker als im Büro. „Irgendetwas“ im Büro zu erledigen fühlt sich immer noch besser für das Gewissen an, als Kaminholz zu stapeln oder „nur kurz“ beim Physik-Referat zu helfen. Die schöne neue Arbeitswelt bedeutet also nicht nur ein „Loslassenkönnen“ für die Kontrolleure unter den Arbeitgebern, sondern auch ein Loslassen in Bezug auf die eigenen Einstellungen – unter anderem auch von dem Irrglauben, dass man im Homeoffice von 9:00 bis 17:00 produktiv sein kann und muss. Meine Erfahrung zeigt: Geregelte Arbeitszeiten gibt es im Homeoffice nicht mehr. Die Arbeit verteilt sich frei fliessend über 24 Stunden.

Eine selbstbestimmte Arbeitsweise ist also durchaus anstrengend. Für mich, und auch für das Umfeld. Dennoch möchte ich nicht mehr tauschen. Zu meiner Arbeitssituation, zu meiner beratenden Tätigkeit, auch zu meinen Projekten passt es gut. Aber wir sollten uns von der Annahme verabschieden, dass wir Jeden mit dieser neuen Arbeitsweise beglücken können. Die meisten Arbeitsplätze sind ungeeignet, und für viele Arbeitnehmer kann es auch ein deutliches mehr an Stress bedeuten, die Grenzen zwischen „home“ und „office“ sauber ziehen zu müssen. Es wird meiner Meinung nach noch eine Menge Zeit ins Land gehen, bis sowohl Organisationen als auch Mitarbeiter den Reifegrad erreicht haben, der für den prognostizierten Kulturwandel notwendig ist.

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